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Die Jahre 1910 - 1945

Die Gründung

In Halle/Saale wurde 1907 durch den Lehrer Friedrich Sommer der erste Kurs  ins Leben gerufen. Am 03.12.1907 begann der Kurs mit 13 sprachgestörten Vorschulkindern, die Ostern1908 eingeschult werden sollten. Der Magistrat der Stadt unterstützte ihn dabei und setzte somit den Beschluss des preußischen Kultusministeriums von 1889 um! Beschlüsse des Kultusministeriums umzusetzen war schon damals keine schnelle Angelegenheit!

Unter der Leitung des Direktors der Hilfsschule, Martin Breitbarth, wurden die Kurse in den nächsten Jahren nicht nur ausgebaut, sondern er forderte flankierende Maßnahmen, die die Nachhaltigkeit der Ergebnisse der Kurse verbessern sollten.

Bild 1 Rektor Martin Breitbarth

Im Sinne der Katamnese (Nachsorge) erwartete er von den Direktoren der Schulen, die sprachgestörte Kinder aus den Kursen aufgenommen hatten, „Entwicklungsberichte“.

Die Kinder sollten nach den Kursen in solche Schulen und Klassen aufgenommen werden, in denen ein besonders ruhiges Klima herrschte und in denen Lehrer arbeiteten, die besonderes Interesse an der Arbeit mit sprachgestörten Kindern und dem Umgang mit ihnen hatten!

Zum großen Teil haben diese, wenn auch idealen Vorstellungen, noch heute ihre Gültigkeit.

Obwohl diese Kurse bis 1920 unter seiner Leitung ausgebaut wurden (mehr Kurse für Vorschulkinder, Wiederholungskurse, Sommerkurse besonders für ältere stotternde Kinder), kam er zu der Einsicht, dass für einen großen Teil der sprachgestörten Kinder der Besuch der Kurse nicht von andauerndem Erfolg war.

So kam es, dass am 27. März 1910 zwei Anfängerklassen für sprachgestörte Kinder eröffnet wurden.

Diesen Tag dürfen wir als Gründungsdatum der Sprachheilschule Halle ansehen!

Die Gründung der Sprachheilschule Halle stellt somit eine historische Größe in der Geschichte der Sprachheilpädagogik dar.  „... Halle a. d. Saale war die erste Stadt, welche die Arbeit noch im Jahre 1910 durch Bereitstellung von 2 Klassen, in denen die Stotterer des ersten Schuljahres Aufnahme fanden, praktisch in Angriff nahm.“ (Lit. 1/S.8)

Im Bewusstsein der Bedeutung dieses Schrittes schreibt Rösler anlässlich des 25-jährigen Jubiläums im Jahre 1935:

Bild 2 Einladung 25 Jahre SHS

„Die Sprachheilschule Halle hat den Ruhm, die älteste Schule dieser Art nicht nur in Deutschland und den europäischen Ländern, sondern in allen Kulturstaaten der Welt zu sein.“ (Lit. 7) Diese Aussage betrachte ich allerdings kritisch, da mir über Deutschland hinaus keine Recherchen bekannt sind!

Dem Beispiel Halles folgten 1912 Hamburg, 1920 Berlin. 1926 zählte Berlin schon 3 Sprachheilschulen. Bis 1933 gab es in 3 weiteren Großstädten (Magdeburg, Hannover, Karlsruhe) voll ausgebaute Sprachheilschulen (bis Klasse 8).

Darüber hinaus gab es in 14 weiteren Städten Sprachheilklassen.

 

 

Der Ausbau der Sprachheilschule Halle

Obwohl Halle mit der Einrichtung der ersten Klassen für sprachgestörte Kinder neue Wege aufzeigte, dauerte der Ausbau der Schule bis 1926. Erst dann konnte auch hier der damals übliche Schulabschluss der 8. Klasse erreicht werden.

Tabelle 1 Entwicklung 1910 – 1926

Jahr: 1926

Anzahl der Schüler: 294, davon 194 Knaben/100 Mädchen

Lehrkräfte : 10 wissenschaftliche Lehrer

1 Lehrerin

5 männliche Schulamtsbewerber

1 technische Hilfslehrerin

Schulgebäude: Hauptgebäude der Franckeschen Stiftungen

 

Jahr: 1931/1932

Anzahl der Schüler: 242, davon 162 Knaben/80 Mädchen

Anzahl der Klassen: 10  (Reduzierung aus wirtschaftlichen Gründen) (vgl. Lit. 5)

Bild 3 Franckesche Stiftungen um 1920

1926 erhielt die Schule auch leitungsmäßig ihre Selbständigkeit. Bis dahin hatte der Direktor der Hilfsschule M. Breitbarth die Sprachheilschule mit geleitet. Am 01. Juli 1926 wurde Alfred Rösler zum Rektor berufen.

Bild 4 Rektor Alfred Rösler

Nach damaliger Terminologie handelte es sich vorwiegend um stotternde, stammelnde, lispelnde und näselnde Kinder. (vgl. Lit. 5)

Obwohl die wissenschaftlichen Grundlagen und theoretische Fundamentierung der Sprachheilschule zur Zeit der Gründung der ersten Sprachheilschulen noch wenig entwickelt waren, galt jedoch schon in den „Gründerjahren“ die Überzeugung, dass Sprachgestörte nach den Lehrplänen der „Normalschule“ zu unterrichten sind. Dazu waren aber spezielle Stunden -„sprechtechnische Stunden“- (4-8 Wochenstunden pro Klasse) erforderlich!

Bild 5 und 6 sprechtechnische Stunden um 1925

Ein heute noch aktuelles Problem bestand schon vor 100 Jahren. Die spezifische Arbeit mit sprachgestörten Kindern und Jugendlichen erfordert speziell ausgebildete Fachkräfte! Außer durch Studien und Hospitationen bei erfahrenen Kollegen wurden die ersten Sprachheillehrer in 4-wöchigen Kursen ausgebildet. Durch die Gründung des „Heilpädagogischen Instituts“ in Halle 1928 sollte eine tiefer gehende und systematische Ausbildung erfolgen. Dazu gehörte auch, dass die Teilnehmer der Seminare theoretische Erkenntnisse in praktische Erfahrungen an der Sprachheilschule umsetzen konnten. Seit dieser Zeit ist die Sprachheilschule Halle auch Ausbildungsschule!

Mit der Auflösung des Instituts endete auch die Ausbildung der Sonderschullehrer in Halle und wurde in dieser Qualität bis 1949 nicht wieder erreicht! Zahlreiche Verbände und Vereine, die besonders in den 20-er Jahren den Aufschwung  des Sprachheilwesens belegen und förderten, übernahmen auch Ausbildungsaufgaben, so die „Deutsche Gesellschaft für Spracherziehung und Stimmbildung“(1925) und die „Arbeitsgemeinschaft für Sprachheilpädagogik in Deutschland“ (1927 Hamburg), die heutige dgs .

Auf der Fachtagung „Das sprachkranke Kind“ 1929 in Halle war die Ausbildungsfrage ein Schwerpunkt!

 

 

Die Zeit des Faschismus

Wie das gesamte gesellschaftliche Leben war auch das Sonderschulwesen und damit auch die Sprachheilschulen von der Ideologie des „Dritten Reiches“ betroffen.

Die Erkenntnisse fortschrittlicher bürgerlicher Wissenschaftler, dass die Gesellschaft moralisch verpflichtet ist, sich um das Wohl Behinderter zu kümmern, musste den Rassengesetzen des Faschismus weichen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 wirkte bis in die Sprachheilschulen hinein. Aber während ein großer Teil der Sonderschulen in Deutschland aufgelöst wurden, gab es bei den Sprachheilschulen bis 1938 auch Neueinrichtungen! „Allein in Hamburg wurden 1938 zwei neue Sprachheilschulen gegründet, ebenso erfolgten u. a. Schulgründungen 1935 in Bremen und 1937 in Nürnberg. Hier liegen die Wurzeln der vehementen Abgrenzung der Sprachheilschule von der damaligen Hilfsschule, da Intelligenzminderung vor dem Hintergrund des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses... zur Sterilisation führen konnte“. (Lit. 3/S.16 )

1927 gab es in Deutschland allein 1027 Hilfsschulen

1938 waren davon nur noch 677 vorhanden

1945 war die Anzahl der Schulen aller Sonderschularten auf weniger als 50 zurückgegangen.

Durch den Krieg und seine Folgen erlitten auch die Sprachheilschulen in Deutschland große Einschnitte bei Personal und Gebäuden.

Die Sprachheilschule Halle konnte unter den Bedingungen des „Dritten Reiches“ trotz erheblicher Einschränkungen weiterarbeiten.

1933 / 1934

Klassenstufe 1                   2 Klassen

Klassenstufe 2                   2 Klassen

Klassenstufe 3                   1 Klasse

Klassenstufe 4                   1 Klasse

Klassenstufe 5                   1 Klasse

Klassenstufe 6/7/8             1 Klasse (kombiniert)

Anzahl der Schüler:            194

1935/36: Die Schule führte nur noch bis Klassenstufe 6 !

Nach dem Tode Röslers (im Sommer 1938) hatte E. Hasenkamp am 01.10.1938 die Leitung der Schule übernommen. Von März bis September 1945 war die Schule völlig geschlossen.