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Die "Wendejahre" bis 2006

Die "Wendejahre" 1989/90

Das verwirrendste, unsicherste, anstrengendste und hoffnungsvollste Jahr in meiner Zeit als Schulleiter war das Schuljahr 1989 / 90! Das Volk hatte sich u.a. die Freiheit erkämpft, sagen zu dürfen was man dachte und wollte! Die Freiheit brachte aber auch mit sich zu erfahren, welches Ausmaß die Bespitzelung und Manipulierung durch die Stasi und die Partei (SED) tatsächlich hatte!

Einerseits waren unsere Fachkenntnis und unsere Meinung zu Praxisfragen in Bezug auf die Arbeit mit sprachgestörten Kindern plötzlich gefragt, andererseits führten die Enthüllungen über die Methoden der Stasi auch zu Verunsicherung und Misstrauen im Kollegium. Jeder Tag begann mit Unsicherheit, Neugier, Erwartungen und inhaltlichen, ideologischen und organisatorischen Herausforderungen.

Im Juli 1990 erreichte mich im Urlaub im Allgäu die Nachricht aus der Schule, dass die Schule aufgelöst wird. Ein Schreiben der Bezirksregierung lautete sinngemäß:

„Wir teilen Ihnen mit, dass Ihre Schule zum31.07.1990 aufgelöst wird. Wir danken Ihnen für Ihre geleistete Arbeit!“ (Gedächtnisprotokoll eines Briefes der Bezirksregierung)

Was sollte mit unseren Kindern werden? Die Aufnahmebestätigungen und Einladungen für die Einschulungsfeier waren längst verschickt! Was wird aus unseren Kollegen? „Wir danken für Ihre bisherige Arbeit!“ hieß das vielleicht nur, dass ich als Direktor entlassen werde? Ich beauftragte meine Stellvertreterin, direkt mit dem Verfasser des Schreibens im Regierungspräsidium Kontakt aufzunehmen. Die 7 Stunden des untätigen Wartens gehören für mich zu den schlimmsten in diesem Wendejahr. Das Gespräch im RP ergab, dass der Verfasser sich der Wirkung seines Schreibens gar nicht bewusst war. Gemeint war: Das sozialistische Schulsystem endet am 31.07.1990. Ab 01.08.1990 wird die Schule nunmehr im demokratischen Schulsystem weiter geführt!

Die Macht des Wortes, die Wirkung dessen was gesagt wird, bestimmten ja gerade die Wendezeit. So deutlich wurde mir das aber erst in diesen Stunden!

Für unsere Arbeit sahen wir plötzlich ungeahnte Möglichkeiten. Das, was theoretisch fundamentiert war, unseren praktischen Erfahrungen entsprang, wollten wir nun auch umsetzen. Es begann die Zeit der Konzepte. Einladungen zu Kommissionen in allen Entscheidungsebenen bis hin zum Ministerium gaben das Gefühl, unsere Erfahrungen, Meinungen und Vorstellungen sind gefragt.

Im Bereich unseres kleinen Schulkosmos funktionierte das zumindest teilweise auch ganz gut. Über die Inhalte, Methoden, Mittel, interne Organisationsformen der Arbeit mit unseren Kindern konnten wir zu einem großen Teil selbst entscheiden. Für die Struktur der Einrichtung Sprachheilschule galt das nicht.

Dabei hatte die Einstufung als Landesbildungszentrum im Jahr 1990 große Hoffnungen für die Zukunft der Schule geweckt!

Erste Kontakte und Diskussionen mit Fachkollegen und Verbänden aus den alten Bundesländern (u.a. dgs) bestärkten uns in der Absicht, die Strukturen des Sprachheilwesens zu erhalten, auszubauen und zu ergänzen.

Wie man das schafft, haben aber auch sie uns nicht sagen können!

 

 

Die Entwicklung zu Beginn der 1990er Jahre

1990

Lehrer und Horterzieher werden in unterschiedliche Tarife eingestuft.

  • Da Horterzieher in der DDR-Ausbildung auch als Unterstufenlehrer ausgebildet wurden, führte die unterschiedliche Einstufung zu Spannungen.
  • Horterzieher mit der Ausbildung als Unterstufenlehrer konnten von nun an nicht mehr im Unterricht eingesetzt werden.

1991

Das Aufnahmeverfahren für sprachgestörte Vorschulkinder kann als Übergangslösung noch für 2 Jahre direkt in der Vorschuleinrichtung    durchgeführt werden. (Absprache mit den Dezernenten im Dezember 1991)

1991/92

Zum Schuljahr 1991/92 wird erstmals nach über 30 Jahren wieder eine 7. Klasse eingerichtet!

1992

Alle Pädagogen der Beratungsstellen erhalten ab 17.01. den Status eines Lehrers.

  • Unabhängig von der sonderpädagogischen Spezialisierung werden sie an einer Sonderschule (auch LB, GB, VH, …) angegliedert. Sie unterrichten an dieser Schule mindestens 6 Stunden in Fächern der Stundentafel. Bis 18 Stunden bleiben für die Arbeit in der Beratungsstelle.
  • Arbeitszeit entsprechend des Lehrereinsatzes 24 Unterrichtsstunden. Bis 1991 waren es 40 Stunden ausschließlich in der Beratungsstelle!
  • Wechsel vieler Beratungsstellenlehrer als Logopäden in freie „Logopädische Praxen“.

Der Hort wird als Bestandteil der Schule im Schulreformgesetz festgeschrieben! Als „Ganztagseinrichtung“ (nicht Ganztagsschule!) ist die Schule von 6.00 bis 16.00 Uhr geöffnet!

März 1992

Erstmals erfolgt die Überprüfung von Kindern mit Verdacht auf LRS bereits nach der 1. Klasse. Die Wiederholung der Klasse 2 ist nicht mehr erforderlich! (gehörte bis dahin zum LRS Gesamtkonzept nach R. Weigt) Am LRS Aufnahmeverfahren nehmen 50 Kinder teil.

15.07.1992

Der Kindergarten untersteht endgültig dem Jugendamt und wird durch Eingliederungshilfe nach dem BSHG (Bundessozialhilfegesetz) finanziert. Das Internat wird als Wohnheim weiter geführt und unterliegt ebenfalls dem BSHG.

04.09.1992

Das “Landesbildungszentrum für Sprachgestörte“ wird vom Land in die Trägerschaft der Kommune (Stadt Halle) übergeben. Die Stadt war auf diesen Wechsel nicht vorbereitet. Das hatte Auswirkungen auf die strukturelle und finanzielle Einbindung der Einrichtung.

Schuljahr 1992/93

Für das Schuljahr werden nur noch 4 Stunden pro Klasse für SMU (Spezieller Muttersprachlicher Unterricht zur Sprachtherapie) zur Verfügung gestellt. Bis dahin standen bis 7 Std./Kl. zur Verfügung. Durch PMU (Pädagogische Mitarbeiter in unterrichtsbegleitender Funktion) als zusätzliche pädagogische Kraft in den Vorklassen und Teilungsstunden in den LRS-Klassen konnte das teilweise ausgeglichen werden.

Juni 1993

Die Weiterführung der 8. Klasse als 9. Klasse im Schuljahr 93/94 scheitert an der erforderlichen Schülerzahl (Erlass). Es wird eine integrative Beschulung an der benachbarten Sekundarschule vorbereitet und durchgeführt. Die Klasse wird durch Lehrer der Sprachheilschule begleitet.

1993/94

Für dieses Schuljahr werden Vorklassen an unserer Schule nicht mehr genehmigt. Durch freiwillige Wiederholung der 1. Klasse steht den Schülern aber der Mehrbedarf an Zeit im Anfangsunterricht zur Verfügung.

Oktober 1995

Anlässlich des 85. Geburtstages ist die Schule Ausrichter der XXI. Internationalen „Tagung der Leiterinnen und Leiter stationärer und teilstationärer Sprachheileinrichtungen Deutschlands und des deutschsprachigen Auslands“.

 

Umsetzung des 1. Entwicklungskonzeptes

Die „Wichtigkeit“ von Projekten, Programmen und Konzepten hatten wir inzwischen erkannt. So hat auch unsere Schule 1990 ein Entwicklungskonzept für  ein „Sprachheilzentrum Halle“ erarbeitet, beschlossen und bis hin zum Kultusministerium eingereicht. Wesentliche Punkte waren:

  • Schule mit Vorklassen, Grundschulbereich (KL 1- 4) mit LRS Klassen, Orientierungsstufe (KL 5 - 6) und Sekundarbereich (Kl 7 - 9)
  • Hauptschulabschluss
  • Möglichkeit der Schulzeitstreckung im Grundschulbereich
  • Beratungsstelle für Sprach-,Stimm- und Hörgeschädigte
  • Vorschulteil (Kindergarten) für 4 – 6-jährige Kinder
  • Hort im Rahmen des Ganztagsangebotes
  • Internat mit gemischten Wohngruppen, Kursgruppen 5.- 9. Klasse und stationäre Diagnostik
  • sprachheilpädagogische Betreuung von einzelnen Schülern an den Heimatschulen
  • Integrationsklassen an Grund- und Sekundarschulen (1990: eine 6. Kl.)

Dafür wurden in dem Konzept Standortvorschläge, Bauentwurfsskizzen und Finanzierungsmöglichkeiten aufgezeigt. (vgl. Archiv der Sprachheilschule Halle „Entwicklungskonzeption für das Sprachheilzentrum Halle“ vom 12.10.1990)

Reaktionen auf das Konzept gab es bis 1996 nicht!

So begannen wir, an der Schule Inhalte unseres Konzeptes in die Praxis umzusetzen. Bis 1992  gab es viele rechtliche „Grauzonen“. Wir lebten in einer „Findungsphase“ Gesetzliche Regelungen mussten erst geschaffen werden! Die grundsätzliche Schulstruktur war aber schon geregelt! Die Entwicklung von Gymnasien hatte höhere Priorität als die Entwicklung der Sprachheilschule.

Zum 2. Mal in der Geschichte mussten wir das alte „Stadtgymnasium“ verlassen und zogen nach beinahe 4 Jahren Arbeit in einer Baustelle  im Juli 1991 erneut in ein anderes Objekt um. Es war der 25. Umzug der Einrichtung seit ihrer Gründung! Zusammen mit einer Grundschule bezogen wir in einem Plattenbauviertel in Halle-Süd eine Schule vom Typ „Erfurt“, die bis dahin von 2 Polytechnischen Oberschulen (POS) genutzt wurde (Otto-Grothewohl-Str. 39/heute Ingolstädter Str.31/33).

Bild 19 Schule Ingolstädter Straße

Zugesagte Renovierungsarbeiten und von einem Architekturbüro erarbeitete Umbau- und Sanierungspläne vor unserem Umzug blieben allerdings aus! Entsprechend unserer Konzeption sollte eigentlich das gesamte Gebäude durch uns mit

  • Schule (Primar- und Sekundarbereich)
  • Hort
  • Beratungsstelle
  • Internat (Neubau war konzipiert, Grundstück reserviert, Antrags- und Planungsunterlagen eingereicht)

belegt werden. Erst im Jahr 2000, nach der Verlegung der Grundschule, konnte das gesamte Schulgebäude von uns genutzt werden.

Der Kindergarten als Vorschulteil der Sprachheilschule konnte in das Konzept schon nicht mehr aufgenommen werden. Er gehörte nicht mehr in den Kompetenzbereich der Bildung, sondern zum Sozialministerium. Ein wesentlicher Bestandteil des „Sprachheilzentrums“ ging damit verloren. Vorschulisches systematisches Lernen und sprachheilpädagogische Ausrichtung bekamen in der neuen „Integrativen Kindertagesstätte“ einen anderen Stellenwert.

Trotzdem wurde es mit dem Umzug möglich, einen Teil der strukturellen und inhaltlichen Zielstellungen umzusetzen, auch wenn es noch immer nicht für alle Maßnahmen entsprechende gesetzliche Regelungen gab!

Primarbereich mit Vorklassen

Für Kinder, die mit nicht ausreichenden Voraussetzungen eingeschult wurden oder deren Lerntempo wesentlich verlangsamt war, bestand die Möglichkeit, mit spezieller und individueller Methodik Rückstände aufzuholen. Zwei Jahre sammelten wir Erfahrungen und entwickelten die methodischen und didaktischen Konzepte weiter.

Auch ab 1993/94, Vorklassen an Sprachheilschulen gab es nun nicht mehr, kam uns dieses Wissen in den 1. und 2. Klassen zu Gute. Besonders für Kinder, die die 1. Klasse freiwillig wiederholten! Diese beiden strukturellen Möglichkeiten wurden durch die „Sonderpädagogische Förderverordnung“ von 1996 und nachfolgende Regelungen dahin gehend weiter entwickelt, dass durch Schulzeitstreckung der Mehrbedarf an Zeit zum Lernen zur Verfügung stand.

Sekundarbereich und Schulabschluss

Unserem Konzept vertrauend, eröffneten wir zum Schuljahr 1991/92 eine 7. Klasse mit dem Ziel, die Schüler bis zum Schulabschluss zu führen. 1996 verließ der 1. Jahrgang nach über 30 Jahren die Schule wieder mit einem Schulabschluss – dem Hauptschulabschluss! 2001 konnte die letzte Klasse den Schulabschluss (Hauptschulabschluss) bei uns ablegen! Es war eine schöne Zeit des gemeinsamen Lernens von jüngeren und älteren Schülern. Es bildeten sich soziale Kompetenzen heraus, die nur durch das Miteinander der unterschiedlichen Altersstufen möglich waren!

Der seit 1996 in Sachsen-Anhalt schulgesetzlich gültige Auftrag zur Integration führte dazu, dass für die Schüler der Sprachheilschule Halle ab Klasse 7 entsprechende Möglichkeiten gesucht wurden. Mit einer benachbarten Sekundarschule, keine 3 Minuten entfernt, wurde ein  Kooperationsvertrag geschlossen. Pro Schüler mit Förderbedarf standen 2 Lehrerstunden zur Verfügung. Bei 5 Schülern waren das 10 Stunden im Zweitlehrerprinzip oder für Einzelförderung. Strukturell eigentlich gute Voraussetzungen! Wenn unsere Vorstellungen von Integration trotzdem nur in Einzelfällen gelang, ist das auf Probleme zurückzuführen, die hier nicht erörtert werden können. Es ist aber schön, wenn noch heute ehemalige Schüler dieser Klassen kommen, um sich mit ihren Lehrern und Erziehern an die Schulzeit zu erinnern!

Schüler, die nach der 6. Klasse mit sonderpädagogischem Förderbedarf an ihre Heimatschule zurück gingen, wurden mit 2 Wochenstunden durch die Beratungsstelle betreut.

Der Hort als Komponente der komplexen sonderpädagogischen Förderung

Der Hort diente nicht nur der Betreuung der Schüler außerhalb der Unterrichtszeiten. Die Erzieherinnen (staatlich anerkannt) waren auch in diesen Jahren in die Förderung unserer Kinder voll einbezogen. Speziell die Arbeit in den LRS – Klassen wäre ohne das enge Miteinander von Lehrern und Erziehern nicht so erfolgreich gewesen! Neben Erholung und Entspannung gehörte die Fortführung/Festigung des im Unterricht Erlernten zur täglichen Arbeit! Die beginnende sehr individuelle Schülerbeförderung erschwerte diese Aufgabe noch.

Zu Beginn der 90-er Jahre bleibt die Sonderpädagogische Beratungsstelle mit den oben erwähnten Änderungen bestehen. Der Schwerpunkt der Arbeit verschiebt sich aber immer mehr auf die Diagnostik und die Begleitung integrativer Beschulung!

Bild 20 Beratungsstelle Böllberger Weg

Internat / Wohnheim

Trotz beginnender integrativer Beschulung auch in anderen Kreisen und der Möglichkeit täglicher Beförderung ist das Internat/Wohnheim auch weiterhin mit Ø 36 Kindern voll belegt. Bis zum 14. Juli 1996! Rückübertragungsansprüche der Enkel der ehemaligen Eigentümer, Familie Hartmann (bis zur Enteignung Farbenfabrikant in Halle-Ammendorf), führten zur Schließung des Objektes. Mit Wehmut nahmen die Kinder Abschied von ihrem „Zuhause“.

Bild 21 Internat 1996

Dass der Auszug auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schwer fiel, lässt die Aufschrift auf dem Schild erahnen. Bis heute, 14 Jahre nach der Rückübertragung, steht die Villa leer und verfällt!

Bild 22 Internatsschild

Die Kinder, die weiterhin auf das Wohnheim angewiesen waren, wurden im „Städtischen Wohnheim“ in Halle-Neustadt untergebracht. Damit war auch das Wohnheim nun kein Bestandteil der Sprachheilschule mehr. Auch wenn die Lage im Myrtenweg nicht mit dem Kirschbergweg vergleichbar war, so hatten die Kinder doch das, was wir uns im Konzept gewünscht hatten: für jede Wohngruppe eine eigene Wohnung! Der Umgang mit den ebenfalls im Haus untergebrachten Berufsschülern und Gymnasiasten erforderte Umdenken auf beiden Seiten.

Besonders der Wegfall der Frühförderung durch Sprachheilkindergärten und die veränderte Aufgabenstellung für die „Sonderpädagogischen Beratungsstellen“ führten neben der Veränderung der sozialen Bedingungen in den Familien von 1990 bis 1995 zu einem rasanten Anstieg der Schülerzahlen an unserer Schule. Durch den Umzug der Schule konnten wir mit einer größeren Anzahl von Räumen auf den Bedarf reagieren. Auch wenn wir die neuen Möglichkeiten nutzten, so blieb der Grundsatz

„Verbleib an der Sprachheilschule so lange wie nötig! Rückschulung an die Heimatschule so schnell als möglich!

erhalten. Die Umschulung war weiterhin nach jedem Schuljahr möglich. Sinnvoll war sie aber erst dann, wenn neben der Besserung oder Behebung der Sprachstörung davon ausgegangen werden konnte, dass die Schüler erfolgreich an „ihrer Schule“ weiter lernen konnten. Besonders nach der 2. und 4. Klasse waren das jeweils  zwischen 30 und 50 %. Der Anstieg der Schülerzahlen besonders in den 2. und 3. Klassen ist darauf zurückzuführen, das die Kinder erst später von den Grundschulen gemeldet wurden. Die  Folge: Die „Therapie“ dauerte länger!

Tabelle 4 Schüler- und Klassenzahlen 1991 – 1996

 

 

Der Weg zum Förderzentrum 1996 - 2006

1995 / 96 wurden für das Sonderschulwesen wesentliche Gesetze und Verordnungen verabschiedet. Entscheidend für die nächsten Jahre war die „Sonderpädagogische Förderverordnung“ (SoFöVo) vom 14.09.1996 und nachfolgende gesetzliche Regelungen.

Wesentliche Schwerpunkte waren

  • Sonderschulen wurden zu Förderschulen
  • Sprachheilschule wurde zu Förderschule für Sprachentwicklung
  • Sonderschulbedürftigkeit wird zu Sonderpädagogischem Förderbedarf
  • Aufnahme in die Sprachheilschule ist nur noch eine unter mehreren Möglichkeiten. Integrative Beschulung erhält Vorrang.
  • Aufnahmeverfahren wird zum Feststellungsverfahren
  • Die Förderschule für Sprachentwicklung führt (in der Regel) bis Klasse 6.
  • Durch die Beratungsstelle werden ambulante und mobile sonderpädagogische Fördermaßnahmen besonders für integrativ beschulte Kinder und Jugendliche durchgeführt (gemeinsamer Unterricht)
  • SMU (Therapie) Stunden werden zu Stunden für sonderpädagogische Schwerpunktsetzung

Das führte zu inhaltlichem und organisatorischen Umdenken!

Unser „altes“ Schulkonzept war so nicht mehr zeitgemäß! Unter Berücksichtigung der neuen gesetzlichen Vorgaben wurde im Schuljahr 1996/97 unter Einbeziehung aller Teilbereiche, der Schüler und der Eltern ein neues Konzept für ein „Sprachheilpädagogisches Förderzentrum“ erarbeitet. Integration, Kooperation und die Öffnung für andere Förderschwerpunkte fanden darin Verankerung.

Am 14. April 1997 wurde das Konzept beim Staatlichen Schulamt und dem Regierungspräsidium eingereicht. (s. Archiv der Sprachheilschule Halle) Wiederholte Nachfragen, warum niemand auf das Konzept eingeht, wurden 2001 vom Kultusministerium mit der Feststellung beantwortet: „Es gibt noch keine Richtlinien für Förderzentren!“ Wieder waren wir der Zeit voraus!

Und wieder nutzten wir verbleibende Spielräume auch mit Unterstützung der Schulbehörden, um „unseren“ Schülern den Weg ins Leben zu erleichtern.

Beispiele:

  • Die alte Tradition der „Stottererkurse“ wurde durch besonders engagierte Lehrerinnen wieder ins Leben gerufen! Als Intensivkurs für ältere Schüler unserer Schule aber besonders für Schüler, die unsere Schule nicht mehr besuchten!
  • Probebeschulungen von 14 Tagen bis zu ½ Jahr halfen Schülern, Lehrern und Eltern bei Umschulungsentscheidungen. Auch wenn LRS Klassen an Grundschulen ab 1997 nicht mehr geführt wurden, so richteten wir innerschulisch entsprechende Klassen für Schüler mit Förderbedarf Sprache und der Teilleistungsschwäche LRS ein. Der Erlass zum Nachteilsausgleich gab zwar die Möglichkeit der Notenbefreiung in den Fremdsprachen von Klasse 5 – 7, bot auch Erleichterungen für Prüfungen,diente aber nicht der Überwindung der LRS!

Die von der Förderverordnung festgelegte Zuweisung eines Stundenkontingentes für „Sonderpädagogische Schwerpunktsetzung“ brachte den Vorteil der individuellen Einsatzentscheidung an der Schule. Allerdings bedeutete es auch eine Kürzung der Sonderstunden von bisher 4 auf durchschnittlich 2 Stunden pro Klasse!

Die Festlegung, dass an der „Sprachheilschule Halle“ ab dem Schuljahr 1999/2000 nur noch Klassen im Primarbereich (Klassen 1 – 4) und in der Förderstufe der Sekundarstufe I (Klassen 5 – 6) unterrichtet werden dürfen, führte zu heftigen durch die Elternvertretungen organisierten Protesten. Medienberichte und Dokumente befinden sich noch heute im Archiv der Schule (z.B. Mitteldeutsche Zeitung vom 22./23. Januar 1994).

Durch den Auszug der Grundschule „F.-L.-Jahn“ im Juli 2000 wurde es möglich, dass ein weiterer Punkt unserer Konzeption des Förderzentrums verwirklicht werden konnte. Am 25. Juli 2000 zog die Beratungsstelle vom Böllberger Weg in die Schule um. Seitdem befinden sich die wesentlichsten Säulen der Einrichtung unter einem Dach! Beratungsstelle  -  Schule  -  Hort!

Wenn für das Gebäude auch weiterhin dringender Sanierungsbedarf bestand,so war die Ausstattung in den letzten Jahren doch für alle drei Bereiche ganz erheblich verbessert worden. Die räumliche und zeitliche Nähe ist ein großer Vorteil in der Zusammenarbeit aller Teile der Einrichtung. Tägliche Absprachen und schnelle Reaktionen sind möglich! Weite Wege fallen weg. Die Nutzung der Freiflächen bietet mehr Sicherheit und gestattet andere Freizeitangebote!

Die nächsten Schritte sollten sein:

  • Einrichtung einer Lernwerkstatt
  • bessere Nutzung von Computern und des Internets durch die Einbindung in das Programm „Vernetztes Klassenzimmer“
  • Neuanlage des Schulgartens

Die Diskussionsschwerpunkte im Bereich der Förderschulen waren in den Jahren von 2000 bis 2005 besonders auf die Problematik

  • des gemeinsamen Unterrichts und
  • die Entwicklung von Förderzentren   gerichtet.

Der schulpolitische Auftrag zur verstärkten Integration führte zum Ausbau verschiedener Formen des gemeinsamen Unterrichts für Kinder mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf. Eltern, Lehrer, Schüler und Schulamt berieten über Möglichkeiten und Organisation. Die Schulaufsicht traf die Entscheidung.

Der Erfolg gemeinsamen Unterrichts ist an 4 Faktoren gebunden:

  • Ist die Bereitschaft  zur Aufnahme von Kindern mit sonderpädagogischem  Förderbedarf an der „Heimatschule“ vorhanden?
  • Stehen genügend Sonderpädagogen zur Verfügung?
  • Reicht die Anzahl der Wochenstunden im Einzelfall aus?
  • Ist die Wegezeit vertretbar?

In dem genannten Zeitraum wurde nach Lösungen gesucht, wurden Erfahrungen gesammelt,Vorschläge unterbreitet. Diese Überlegungen fanden in der Änderung der Verordnung über die sonderpädagogische Förderung ...“ vom 27. Januar 2005 ihren Niederschlag.

Hier finden sich die  Richtlinien für Förderzentren. Nun konnte auch unser Konzept berücksichtigt werden. Für die Förderschule für Sprachentwicklung wird als höchste Klassenstufe die Klasse 6 festgeschrieben. Die Verordnung ermöglicht auch unserer Schule die Schuleingangsphase!

Das Hauptaugenmerk wird aber auf den Ausbau des gemeinsamen Unterrichts und der ambulanten und mobilen Angebote gerichtet. Für die Lehrerinnen und Lehrer der Schule bedeutete das wesentlich größere Flexibilität, ständig neue organisatorische Herausforderungen und Überzeugungs- arbeit für die Schulleitung und gleichzeitig die inhaltliche Weiterentwicklung der Arbeit in der Schule.

Gleichzeitig begann die Konzipierung eines regionalen Förderzentrums gebildet von der Förderschule für Lernbehinderte („Pestalozzi“-Schule), der Förderschule mit Ausgleichsklassen („J.-Korczak“- Schule) und der Förderschule für Sprachentwicklung („Sprachheilschule Halle“). 15 Jahre nach dem ersten Konzept ist unsere Schule nun seit 2006 Teil dieses Förderzentrums!

Wer viel arbeitet, sich in dem Umfeld der Schule wohl fühlt, mit Engagement unlösbare Aufgaben meistert, sich sehr individuell für die Schüler und die Schule einsetzt, hat auch das Recht zu feiern! So wurde der 95. Geburtstag der Schule im Juni 2005 ein ganz besonderer Höhepunkt und unvergessliches Erlebnis für alle, die daran teilnehmen konnten. Für eine Woche wurde die Schule zum Zirkus!

Tägliches Training mit Artisten im Zirkuszelt verwandelte auch ängstliche Kinder in Schwertschlucker, Kunstreiter oder Hochseilartisten. Ob als Fakir auf Glasscherben oder als Zirkusdirektor – die Kinder wuchsen über sich hinaus. So entdeckten Lehrer und Erzieher Seiten an ihren Schülern, die sie nicht erwartet hatten. Die Freude und der Stolz über das Erreichte übertrugen sich auf Eltern, Verwandte und alle Zuschauer im 2 x ausverkauften Zirkuszelt!

Bild 23 Zirkus anlässlich des 95. Geburtstages im Juli 2005