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Schulchronik

100 Jahre Sprachheilschule Halle

Günter Proske

100 Jahre Sprachheilschule – eine historische Dimension! Wenig im Vergleich zu den Bestrebungen, Sprachstörungen zu behandeln. Aber es ist eine lange Zeit der systematischen Bemühungen und Hilfe für Betroffene.

Dabei war und ist die Entwicklung der Sprachheilschule von politischen Orientierungen und Profilierungen oder wissenschaftlich wechselnden Anschauungen abhängig und somit in diesem Spannungsfeld schwankend.

Im Laufe ihrer nunmehr 100-jährigen Geschichte hat die älteste Sprachheilschule Deutschlands das erlebt und durchlebt!

Schon seit der Antike sind Sprachstörungen als die „Persönlichkeit behindernde Wesensmerkmale“ (6/S.15) bekannt. Vereinzelte Bemühungen der „Heilung“ durch Ärzte und auch Lehrer gab es  im 18. Jahrhundert. Der Beginn systematischer Hilfe für Sprachgestörte geht auf Samuel Heinicke (10.04.1727 - 29.04.1790) zurück. Er gründete 1778 in Leipzig das „Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen“. Die wissenschaftliche Grundlegung der Behandlung mit „Sprachgebrechen behafteter  Personen“ legte Adolf Kussmaul (22.02.1822 - 28.05.1902).

Zunächst war die erste institutionelle Einrichtung zur Behandlung Sprachgestörter integrierter Bestandteil der Gehörlosenschule, die Samuel Heinicke in Leipzig gründete.

Dem Wirken Albert Gutzmanns (19.12.1837 - 27.05.1910) ist es zu verdanken, dass das Sprachheilwesen großen Aufschwung nahm. Er organisierte und förderte Sprachheilkurse. Ihm ist die Einführung eines öffentlichen Sprachheilwesens zuerst in Berlin zu verdanken. Nicht grundlos gab es auch an unserer Schule in den 60-er Jahren ein Gutzmann-Zimmer. Heute würde man es natürlich Kabinett nennen!

Ein Erlass des preußischen Kultusministeriums vom 18.06.1889 forderte zwar die landesweite Einrichtung solcher Kurse, die Frage nach entsprechend qualifiziertem Personal stellte sich aber damals ebenso wie heute! Gutzmann legte innerhalb von 2 Jahren mit der Ausbildung von 206 Lehrern, 3 Lehrerinnen, 14 Ärzten, 1 Geistlichen und 1 Zahnarzt die Grundlage für sich schnell verbreitende 4-monatige Kurse. (vgl. Lit. 4 / S.12)

Auf der Basis des damaligen wissenschaftlichen, methodisch-didaktischen und technischen Standes war die Nachhaltigkeit dieser Kurse nicht befriedigend. So wurden die Forderungen nach Sprachheilklassen wieder laut! Auch hier wiederholt sich die Geschichte in der heutigen Zeit.

Der Braunschweiger Lehrerverein nahm zur Frage der Sprachheilkurse und der Sprachheilbehandlung 1882 folgende Haltung ein:

„Die Schule hat sich der sprachleidenden Kinder im allgemeinen und im besonderen anzunehmen: im allgemeinen insofern, als jeder Lehrer sich in herzlicher Liebe verpflichtet fühlen muss, solche bedauernswerten Kinder bei aller Bestimmtheit freundlich und liebevoll zu behandeln, zur Ruhe und Selbstbeherrschung anzuhalten, ihnen vor dem Sprechen Zeit zum Überlegen und zum Atemholen zu lassen, selbst gut vorzusprechen, unter Umständen den Spott der Mitschüler einzudämmen u. dgl. m., im besonderen durch einen entsprechenden Unterricht, da eine rücksichtsvolle Behandlung wohl förderlich und lindernd auf Sprachgebrechliche einwirkt, diese aber aus Mangel an Zeit und aus anderen Gründen von ihrem Übel nicht zu befreien vermag.“ (Lit. 8 / S. 444f; zitiert nach Voigt, P. S. 18)

Viele dieser Voraussetzungen benötigen Lehrer auch heute noch! Die genannten Mängel  aber sollten durch die Bildung von Sprachheilklassen überwunden werden!

Es dauerte 18 Jahre, bis diese Vorstellungen und Überlegungen in die Praxis umgesetzt wurden.